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Syrien - Die Wiege der zivilisierten Menschheit und der Religionen
Eine breite Basarstraße nimmt uns auf in die älteste Stadt der Menschheit, Damaskus. Hölzerne, fast wie Portale anmutende, Fensterläden verschließen die bereits geschlossenen Läden. Es wirkt wie aus einem Bilderbuch oder einem Zeichentrickfilm, so sauber und ordentlich ist hier alles. Wie eine Realität gewordene Fantasie eines arabischen Traumes. Würde mich gar nicht wundern, wenn Aladin nun auf dem schwebenden Teppich vorbeikäme.
Wie Odysseus eine ganze Odyssee überstehen musste, um an sein Ziel zu gelangen, sind auch wir nur mit Hindernissen zum Ziel gelangt. Ich bin nämlich nur die Vorhut ....
Doch alles der Reihe nach und von vorne: Gaddafi hat uns doch schon wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht und ich darf immer noch nicht einreisen. Wie letztes Jahr haben nach dem Eklat seines Sohnes in einem schweizer Hotel die Schweizer wie ich immer noch keine Berechtigung, nach Libyen einzureisen. Und man hört sogar noch bizarreres, Gaddafi will die Schweiz gleich aufteilen und von der Landkarte verschwinden lassen. Die französische zu Frankreich, die deutsche zu Deutschland etc. Nimmt er sich wohl ein Beispiel an den Siegermächten England und Frankreich, die ohne Rücksicht auf Verluste oder Gebietszugehörigkeiten den nahen Osten am Reisbrett mit dem Lineal aufteilten. Langer Rede kurzer Sinn, unsere Libyenreisepläne müssen wieder verschoben werden und liegen mit dem Jemen in einer Wunschschublade. Wohin kann uns die Halimareise dann führen?
An die Wiege der Menschheit nach Syrien! Doch bis Syrien ist ein weiter Weg. Von Nürnberg nach München mit dem Auto. Am besten am Vorabend, dass wir den Vorabendcheck-In in Ruhe ausführen können. Chaos am Flughafen, automatisiertes Einchecken hat so seine Tücken. Doch die meistern wir mit Bravour. Nichts wie hin, Koffer abgeben und die Bordkarten in Empfang nehmen, doch leichter gesagt, wie getan. Aus unerfindlichen Gründen bekommen die Schneiders keine Bordkarten für den Flug von Wien nach Damaskus. München Wien ist kein Problem, aber das Computersystem spuckt für den Flug nur meine Bordkarte aus. Der Angestellte meint, kein Problem, entweder wir erhalten die Bordkarten morgen früh beim Einchecken in München oder spätestens in Wien. Guter Dinge fliegen wir nun am Folgetag nach Wien. Hier wollen die Schneiders ihre Bordkarten nun endlich in Empfang nehmen, aber welch Graus, trotz fester Sitzplatzreservierung ist der Flieger überbucht und Schneiders dürfen eine Europarundreise antreten. Wollen sie über Rom, Istanbul, London oder Frankfurt nach Damaskus fliegen. Trotz Entschädigung bleibt das Ärgernis bestehen und die Schneiders landen erst nach einer wahren Odyssee weit nach Mitternacht am ersehnten Ziel. Ich hatte das Glück direkt fliegen zu können und lande pünktlich um 15.00 in Damaskus.
Diesmal haben wir uns für Heliosreisen entschieden und dies war eine gute Wahl. Sowohl der Reiseleiter, als auch die ausgearbeitet Tour als auch die Reisegruppe von 8 Leuten sind vom Feinsten. Vom Flughafen werden wir direkt auf den Qasiyun-Berg, den Damaszener Hausberg gefahren, von wo wir einen grandiosen Ausblick auf Damaskus, die Oasenstadt am Baradafluss, genießen können. Ein Häusermeer aus weißen Steinen erstreckt sich soweit das Auge reicht und dies in das abendliche Licht getaucht. Alles wirkt sauber und einladend. Und hier soll Kain seinen Bruder Abel erschlagen haben. Die friedliche Stimmung lässt nichts böses erahnen.
Schnell ins Hotel einchecken, (leider das internationale 5 Sterne Einheitsbrei – Hotel Sheraton, das außer unterkühlten Räumen wenig orientalischen Flair zu bieten hat) und nichts wie rein ins Altstadtgetümmel. Zuvor lassen wir uns einen Blick in das wie aus einem Märchen entsprungene Hochzeitszimmer nicht entgehen. Ein riesiger Saal mit allem erdenklichen Pomp und Prunk ausgestattet. Es findet gerade der Soundcheck für die abendliche Hochzeitsgesellschaft statt und so können wir die ganze Pracht bewundern. Rüschen, Schleifen, Blumen wohin das Auge reicht. Und vor der Tür eine riesige Ansammlung Tische für das opulente Hochzeitsmahl vorbereitet. Dieses sehen wir nachts bei unserer Rückkehr gefüllt dass sich die Tische im wahrsten Sinne des Wortes biegen. Ein Märchen aus 1001 Nacht erfüllt sich, das vor 500 Jahren sicher nicht anders ausgesehen hat.
Zurück zum Abend: Schon schlendern wir die eingangs erwähnte Basarstraße entlang. Ein Teilnehmer unserer Gruppe ist Tarek, ein syrischer in Deutschland lebender Arzt, der nach 30 Jahren seine Heimat mal wieder besucht. Durch seine Sprachkenntnisse und der sichtlichen Liebe zu seiner Heimat wird er zu unserem heimlichen Führer. Es ist faszinierend zu sehen, wie er seine Heimat nach all diesen Jahren wieder neu entdeckt. Besonders amüsiert mich seine Sprachverwirrung. Er spricht oft mit Syrern Deutsch und mit uns arabisch. Zwei Seelen wohnen in seiner Brust eine deutsche und eine syrische, und in beiden fühlt er sich richtig heimisch, dass er die Sprachverwirrung vor lauter Begeisterung oft nicht mitbekommt. Unter dieser fachkundigen Leitung erobern wir die wunderschöne Altstadt mit den unzähligen alten Holzhäuser. Im Erdgeschoß dominiert oft noch Stein, aber bereits im ersten Stock brillieren reichverzierte und kunstvoll geschnitzte Holzfenster und kunstvolle Mashrabiyen die originellen Altstadthäuser. Oft sind die Stockwerke auch auf die Straße hinausversetzt, bieten dadurch mehr Wohnraum und überdachen die Straßen. Alles spricht hier von der Pracht und dem Reichtum dieser Stadt am wichtigsten Handelsknotenpunkt des Mittelalters, der Seidenstraße und der Weihrauchstraße. Kein Wunder, dass diese Altstadt zum Weltkulturerbe auserkoren wurde. Viel ist bereits renoviert und in einigen Altstadthäusern entstehen so genannte Boutiquehotels mit dem Flair aus 1001 Nacht. Schade, dass wir nicht hier logieren, dann käme heute Nacht sicher Aladin mit der Wunderlampe vorbei.
In solch ein traditionsreiches Hause entführt uns Tarek zum Abendessen mit Tanz. Alle Sinne gehen auf bei den leckeren Köstlichkeiten aus 1001 Nacht. Skeptisch höre ich das Showprogramm, Derwischtanz und Tanoura stehen auf dem Programm. Hier in diesem doch fast nur von Touristen besuchten Lokal kann ich mir diese religiösen und spirituellen Tänze kaum vorstellen. Gerade der Derwischtanz, der ja traditionell in eine ganze religiöse Zeremonie eingebettet ist, nun zwischen Hauptgang und Nachtisch, zwischen laufenden Kellnern und bestellenden Gästen ... In meiner Vorstellung ein Graus. Bei der Tanoura geht es mir nicht anders. Meine Gedanken schweifen ab zu den Tanouratänzen von Bondok auf der Bühne mit garantiertem Gänsehautfeeling und dies hier in der profanen Atmosphäre? Eigentlich ein absolutes now go. Aber so schlimm wird es doch nicht. Natürlich reicht es bei weitem nicht an die bisherigen Derwisch- und Tanouratänze, aber immerhin sind sie authentisch und gut getanzt. Nicht ein billiger Abklatsch davon. Und sogar kommt von der spirituellen Stimmung etwas rüber. Eine tolle Sängerin und ein Musiker ergänzen diesen Abend. Jetzt, wo fast alle Touristen weg sind, trauen sich auch Einheimische rein und genießen mit uns sichtlich die Musik und den gesang. Kaum 8 Stunden da und ich bin Europa weit entrückt. Ein Blick in die in der Zwischenzeit feiernde Hochzeitsgesellschaft lässt einen nur träumen.
Um 24 Uhr kommen dann Schneiders endlich an nach ihrer 20 stündigen Odyssee durch Europas Flughäfen und einem syrischen Zoll, der so gar nicht kapieren will, warum die zwei nicht mit Gruppe einreisen ... Soloreisende müssen sich ihr Visum in Deutschland besorgen. Zwei Gruppenreisende ohne Gruppe, wo gibt’s denn so was. Passt einfach nicht in ihr Weltbild und so dauert es weitere zwei Stunden und mühselige Telefonate, bis die beiden endlich syrischen Boden unter den Füßen haben.
Am nächsten Morgen beginnt die Besichtigung unter fachkundiger Leitung von Abed Issa sinnvollerweise im Nationalmuseum um einen Überblick zu geben über die 9000 jährige bewegte Geschichte des Landes, die von einer Vielzahl Völker gestaltet wurde, Aramäer, Nabatäer, Griechen, Römer, Araber und Türken, alle haben sich hier getummelt und ihre Spuren hinterlassen. Hier bekommen wir einen tollen Überblick, der uns bei er späteren Rundfahrt durch Syrien immer wieder die geschichtsträchtigen Zusammenhänge erkennen lässt. Das Tor Qasr al Hayr al Garbi, die originale Stuckfassede des Wüstenschlosses ziert den Eingang des Nationalmuseums standesgemäß.
Im anschließenden Garten mit unzähligen historischen Stücken könne wir eine kurzen Moment verweilen und die vielen Eindrücke sacken lassen.
Die nahe gelegene Herberge für Pilger nach Mekka ist in einem ehemaligen Palast untergebracht und erinnert mehr daran, als an ein Armenrefugium. Zu Fuss geht’s weiter zum Bahnhof der historischen Hedschasbahn. Hier steht sie ja schon die Bahn, die Laurence von Arabien so abenteuerlich mit seinen vereinten Beduinen- und Araberfreunden angriff. Bilder erscheinen aus dem Film Laurence und ich kann mir gut vorstellen, wie diese Bahn hier in dem traditionsreichen Bahnhof einfuhr. Wieder tauchen wir in die Altstadt ein aber diesmal ist kein Laden geschlossen. Händler über Händler säumen die Straßen, aber auch zwischen den Fußgänger tummeln sich welche. Da gibt es den fahrenden Teeverkäufer oder den Nußhändler, der einen Ofen zum Rösten auf das Fahrrad geschnallt hat. An einer Kreuzung steht ein Wagen, auf dem frisch gepresster Orangensaft angeboten wird. Einzelne Männer tragen ihr ganzes Sortiment in den Armen oder auf dem Rücken und marschieren so laut feilbietend durch die Gassen. Weiter durch die Altstadt, mit ihren Fontänen zaubernden Wasserträgern, geht’s zum Bismaristan Nuri, einem Krankenhaus des Nur ad Din aus dem frühen 12. Jahrhunderts, in dem heute ein interessantes Medizinmuseum untergebracht ist. In verschiedenen Sälen werden Ausstellungsstücke gezeigt, die von der Medizin des Mittelalters Kunde tun. Besonders interessant ist ein Gebärstuhl und Instrumente zur Mithilfe bei der Geburt.
Weiter geht’s zum Herzstück der Altstadt, der grandiosen Omaijadenmoschee. Wie bestellt ruft der Muhezzin zum Gebet und wir setzen uns in den bombastischen Hof der Moschee und genießen die Stimmung. Mit unseren grauen Kutten sehen wir aus wie dem Cucluxsclan entsprungen und erkennen uns kaum selbst wieder. Reich sind die Mosaiken und Blumenfriese verziert und geben den Rahmen für das Leben in der Moschee. Bilder von der islamischen Eroberung und Szenen aus dem Paradies sind abgebildet. Der Prophet Mohamed soll nie nach Damaskus gekommen sein, da der Gläubige ja nur einmal ins Paradies eintreten kann. An dies erinnern die paradiesischen Szenen mich. Ich fühle mich trotzdem im Paradies und beobachte des Leben in dieser Gebetsstätte, die gleichzeitig als Lern- und Ruheraum, zur Meditation als Kinderspielplatz und sogar zum Schlafen dient. Dieser Platz hier war immer ein religiöser Ort, erst ein dem Gott Haddad geweihtes semitisches Heiligtum, dann ein Jupitertempel, eine christliche Kirche und schließlich eine Moschee. Besonders das Jesusminarett und der Marmorschrein mit dem angeblichen Kopf des Johannes des Täufers zeugen davon, wie eng Islam und Christentum miteinander verknüpft sind. Vor der Moschee sitze ich gemütlich und beobachte und merke gar nicht wie die Zeit verstreicht. Eine Schar von Tauben tummelt sich auf dem Platz. Sie flattern von Gesims zu Gesims, kriechen in Maueröffnungen. Laben sich an Essensresten der Besucher. Mein Handy klingelt, ich war bereits als vermisst gemeldet. War ich doch zum falschen Eingang raus und hatte vor lauter Eindrücken die Zeit vergessen. Aber dank moderner Technik fand mich die Gruppe ja wieder. Das Grab von Saladin, dem kriegerischen Widersacher der Kreuzritter, darf natürlich auch nicht fehlen, zumal ja der Marmorsarkophag von ihm von Wilhelm II anlässlich seiner pompösen Staatsreise gestiftet wurde. In einem ehemaligen Palast ist das Völkerkundemuseum stilgerecht untergebracht und zeigt uns in verschiedenen Szenen das Leben, arbeiten Musikzieren der damaligen Zeit. Die Völkerkundemuseen begeistern mich immer restlos, habe ich doch einen ausgeprägten Febel für Trachten und Gebräuche. Und so kann man sich auch hier das Leben so richtig vorstellen in diesem bezaubernden Ambiente. Der Besuch der Ananias Kapelle, einer frühchistlichen Kellerkirche, wo Saulus zum Paulus wurde, schließt diesen umfangreichen Besichtigungstag ab. So gönnen wir uns ein Bummeln in den Basarstraßen, diesmal mit geöffneten Geschäften und ein frisch gepressten Orangensaft, um die Lebensgeister wieder zu beleben.
Ein schmackhaftes Menue in einem nur von Einheimischen besuchten Restaurant beendet diesen erlebnisreichen Tag.
Fortsetzung in der nächsten Halima
Brigitte Baldinger
Fotos Siglinde Schneider
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